Nigritella dolomitensis
TEPPNER & KLEIN 1998

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Standort von Nigritella dolomitensis beim Grödnerjoch nach Neuschnee Mitte Juli 2000. Nigritella rubra war am Standort bereits vollständig verblüht. Mischformen zwischen Dolomiten- und Rotem Kohlröschen, sowie das Schwarze Kohlröschen waren voll erblüht.


Es gibt Orchideenarten, die sind richtige Frischlinge: Nicht nur im tropischen Urwald, auch in Mitteleuropa werden sogar heute noch immer wieder neue Arten beschrieben. Eine davon ist Nigritella dolomitensis. Es muss bemerkt werden, dass einige Orchideenfreunde von dieser Entwicklung nicht viel halten. In der Tat muss man sich bei einigen "Neuerscheinungen" fragen, ob sie den Artrang tatsächlich verdient haben. Auch Nigritella dolomitensis ist umstritten, wobei wir nach Inaugenscheinnahme einiger Bestände der Meinung sind, dass mindestens der Rang einer Subspezies von Nigritella rubra, aber möglicherweise auch der Artrang gerechtfertigt ist.

Die Kohlröschen standen lange Zeit etwas im Abseits. Man beschäftigte sich mehr mit den Gattungen Ophrys, Orchis und Dactylorhiza. So gab es bis vor einigen Jahren für viele nur drei Kohlröschenarten in den Alpen, nämlich die schwarz-dunkelbraun blühende Nigritella nigra (rhellicani/austriaca), die rotblühende Nigritella rubra und die rosablühende Nigritella corneliana (siehe Orchidee des Monats 1/2000). In den letzten Jahren haben sich Orchideenfreunde insbesondere in Österreich der Kohlröschen angenommen und einige neue Arten beschrieben. Demnach scheint die Gattung Nigritella sehr formenreich zu sein, was insbesondere daran liegt, dass verschiedene Arten sich selbst bestäuben (Apomixis). Durch die Isolation der Standorte haben sich verschiedene Populationen entwickelt, die sich mehr oder weniger voneinander unterscheiden. Es gibt sogar Orchideenfreunde, die vermuten, dass eigentlich jeder größere Gebirgsstock in den Alpen seine eigene Kohlröschenart hat.

Das Dolomiten-Kohlröschen wurde erstmals 1998 von TEPPNER und KLEIN in der österreichischen Zeitschrift Phyton als Gymnadenia dolomitensis beschrieben, wobei wir die Diskussion, ob Gymnadenia oder Nigritella richtig ist, hier nicht führen wollen. Solange die Mehrzahl der Fachleute die Kohlröschen in die Gattung Nigritella stellt, wenden wir dies auch auf das Dolomiten-Kohlröschen an. Zum Zeitpunkt der Beschreibung waren im ganzen Alpenraum nur zwei Standorte dieser Art in den Dolomiten bekannt. Mittlerweile hat die gezielte Suche einige weitere Standorte gebracht, alle in den Dolomiten. Da sich offensichtlich gar nicht so selten Mischformen mit dem Roten Kohlröschen bilden, ist die Erkennung manchmal nicht einfach. Wegen der erst kurzen "Lebenszeit" dieser Art fehlen Beschreibungen in den gängigen Orchideenbüchern weitgehend. Nur PRESSER geht in seinem, im Jahre 2000 erschienenen Werk "Die Orchideen Mitteleuropas und der Alpen" auf diese Art ein.

Nigritella dolomitensis ähnelt vom Blütenstand her dem Schwarzen Kohlröschen. Während das Rote Kohlröschen aber immer karminrote Blüten trägt, sind die Blüten des Dolomiten-Kohlröschens bläulich-rot (violetter Stich). Zudem wird die Blütenfarbe im Gegensatz zu Nigritella rubra mit zunehmender Blühzeit oft heller. Insgesamt könnte man fast meinen, es handle sich um Hybriden zwischen Schwarzem und Rotem Kohlröschen.

Das Dolomiten-Kohlröschen wächst zwischen 2.000 und 2.500 Höhenmetern auf flachgründigen, kalkhaltigen Böden. Begleitet wird die Art von typischen Vertretern der Blaugras-Horstseggen-Halden. Dies sind zum Beispiel Läusekräuter, Silberwurz, die beiden Händelwurzarten und das gemeine Sonnenröschen. Manchmal gelingt sogar ein Schnappschuss mit dem Edelweiß. Im Jahr 2000 blühte die Art deutlich später als das Rote Kohlröschen, am gleichen Standort gemeinsam mit dem Schwarzen Kohlröschen. Die Art ist apomiktisch und pflanzt sich über Nuzellarembryonen fort. Sie ist tetraploid (2n = 80).

Hybriden wurden bei dieser neuen Art noch nicht beschrieben. Da die Art bisher aber mit Nigritella rubra verwechselt worden sein dürfte, ist davon auszugehen, dass bereits Hybriden mit Gymnadenia conopsea oder auch Gymnadenia odoratissima in den Fotoarchiven schlummern. Der Verfasser hat im Juli 2000 in einem Bestand mit Nigritella dolomitensis eine Pflanze gefunden, bei der es sich mit gewisser Wahrscheinlichkeit um eine Hybride Nigritella dolomitensis x Gymnadenia conopsea handelt.

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Nigritella dolomitensis tritt, anders als beispielsweise das Schwarze Kohlröschen, nicht in größeren Populationen, sondern eher zerstreut auf. Als eine der typischen Begleitpflanzen sind Sonnenröschen zu erkennen.


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Typisch ausgeprägtes Dolomiten-Kohlröschen am Locus classicus. Gut zu erkennen sind der violette Einschlag der Blüten, die im Laufe der Blühzeit heller werdenden Blüten und der eher an das Schwarze Kohlröschen erinnernde Blütenstand.


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Die Nahaufnahme des Blütenstandes zeigt, dass die Blütenlippen des Dolomiten-Kohlröschens nicht so langgestreckt und weniger eingerollt sind als beim Roten Kohlröschen. Alle gezeigten Aufnahmen entsprechen übrigens dem Originaldia und wurden nicht am Computer verändert.


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Vielleicht die erste, bewusste Aufnahme einer Hybride zwischen Nigritella dolomitensis und einer Händelwurz. Die Wuchshöhe, der Aufblühzustand der Pflanze im Vergleich mit den möglichen, am Standort vorkommenden Eltern, sowie Form und Farbe der Blüten lassen die Vermutung zu, dass es sich beim anderen Elter um Gymnadenia conopsea handelt.